Predigt von Domprobst Gert-Axel Reuß

© DG Ratzeburg

Predigt für den 5. Sonntag nach Trinitatis, 12. Juli 2020 

Predigttext: Lukas 5, 1 – 11

Liebe Kirche!

 Sei nicht so ängstlich! Du wirst gebraucht!

Du wirst gebraucht mit Deinem Optimismus und Deinem Gottvertrauen.

Du wirst gebraucht mit Deinem Mut und Deinem Eintreten für die Menschen.

Du wirst gebraucht mit Deinem Glauben.

Wann, wenn nicht jetzt?! Wann, wenn nicht heute?!

 Liebe Kirche!

 Wage Dich nach draußen, dorthin, wo die Not ist.

Wage Dich dorthin, wo der Boden schwankend ist.

Wage Dich zu den Menschen, die verunsichert sind. Die sich sorgen um das Morgen. Die nicht wissen, wie es weitergehen soll.

Du wirst gebraucht! Gerade dort wirst Du gebraucht!

 Liebe Kirche!

 Erinnere Dich. Erinnere Dich an Simon und Andreas. An Jakobus und Johannes. Sie alle waren Fischer. Einfache Fischer, die nachts hinausfuhren mit ihren Booten und tagsüber ihre Netze flickten. Menschen, die taten, was ihre Väter und Großväter auch schon getan hatten. Die Mütter und Großmütter nicht zu vergessen, die die Fische schuppten und ausnahmen. Was sie nicht essen und verkaufen konnten wurde in der Sonne getrocknet als Vorrat für den Winter.

 Liebe Kirche!

 Erinnere Dich, dass sie nichts gefangen hatten. Alle miteinander. Als Jesus vorbeikam und um ein Boot bat. Simon ließ sich überreden; er hatte ja eh nichts Besseres vor. Und so stakt er das Boot mit Jesus an Bord etwas ab vom Ufer, als dieser zu predigen anfängt. „Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen!“

 Davon hatten die Fischer noch nichts gemerkt. Nicht in dieser Nacht und davor auch nicht. Aber irgendetwas muss passiert sein in dieser Stunde. Irgendetwas, das Simon aufgeweckt hat aus seinem Tran. Irgendetwas, das ihn zuhören lässt, was dieser Fremde sagt. Hoffnungsworte. Mutmacher: „Ich brauche Dich! Zusammen ändern wir die Welt!“

 Wann er anfängt zu träumen, wird nicht erzählt. Nur, dass er – als die Menschen, die Jesus zugehört hatten, sich wieder zerstreuten – auf sein (Jesu) Geheiß noch einmal hinausfährt auf den See. Gegen alle Fischer-Erfahrung. Eigentlich ein Wahnsinn, mitten am Tag die Netze auszuwerfen. Nach der durchwachten Nacht, in der sie den See vergeblich nach Fischen abgesucht hatten. Das kann doch gar nichts bringen!

 Simon tut es trotzdem, folgt diesem Impuls. Zusammen mit seinem Bruder Andreas, und sie fangen Fische. So viele, dass die Netze sie nicht fassen können. Fische im Überfluss, so dass sie ihre Gefährten rufen, ihnen zu helfen. Jakobus und Johannes.

 In einem schönen Essay in der Wochenzeitung DIE ZEIT berichtet Marcus Jauer (‚Wird schon gutgehen, oder?‘ Nr. 23 vom 28. Mai 2020, S. 13 – 15) von einer Hebamme. Wenn die werdenden Mütter sie fragen, weil sie bei der dieses gelesen oder jenes gehört haben, dann fragt sie zurück: „Was würdest du tun? Was ist denn Dein Gefühl?“ Bei fast allem, was die Frauen antworten, sagt die Hebamme: „Ja, das ist gut. Das ist der richtige Weg.“

 „Vertrauen“, so schreibt Marcus Jauer, „ist eine uns innewohnende Kraft, die es uns ermöglicht, mit dem Ungewissen zurechtzukommen, sie zieht uns immer wieder zu ihm hin, weil wir uns letztlich nur dort entwickeln und erfahren können, im eigentlichen Sinn also lebendig sind. Das Ungewisse ist das Leben selbst, und es zu leben bedeutet, diese Ungewissheit anzunehmen.“  (ebda, S. 15) 

Ist es nicht genau das, was der Fischer Simon tut. Auch er ist seiner Intuition gefolgt, einem Bauchgefühl, das ihm gesagt hat: ‚Man könne es ja mal versuchen.‘  Und er wurde nicht enttäuscht.

 

Auch dieses muss erzählt werden: Jesus gibt ihm den Namen Petrus. Fels. Einem Fischer! Der sich eher auf das Wasser versteht mit seinen Unwägbarkeiten, seinem schwankenden Boden.

In den weiteren Schilderungen der Evangelien werden über diesen Jünger keine Heldentaten berichtet. Es ist eher sein Wankelmut als seine Standfestigkeit, für die Petrus berühmt werden wird. Aber gerade auf diesen ‚Felsen‘ wird Jesus die Kirche bauen! Wird er uns als seine Kirche bauen!

Wir? Die Kirche?

In unserem (evangelischen) Sprachgebrauch zählen wir uns normalerweise zur ‚Gemeinde‘. Darin steckt – so nehme ich es wenigstens wahr – eine kleine Distanzierung.  Die Kirche – die ist uns ein paar Nummern zu groß. Die Kirche – das sind die anderen. Die Pastoren vielleicht und die Bischöfinnen. Die Kirchenleitungen – aber wir, die Gläubigen, manchmal Klein-Gläubigen?

Doch! Mit uns will Jesus seine Kirche bauen! Und er hat damit schon längst angefangen. Fordert uns auf, unser ‚Boot nur ein wenig vom Ufer abzustoßen‘. Unseren Eingebungen zu folgen und das Naheliegende zu tun.

Es ist nur ein kleines Wagnis. Nicht ohne einen Rest Zweifel. Nicht ohne die Erwartung von Enttäuschung und Vergeblichkeit. Aber könnte man es nicht wenigstens einmal versuchen?

Liebe Kirche, liebe ‚alle‘! Was kann schon schief gehen? Dietrich Bonhoeffer – jenes große Vorbild des Vertrauens – dichtet: „Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

Ja. Es stimmt: Wer sich mit Bonhoeffers Biografie intensiver beschäftigt, wird feststellen, dass dieses Vertrauen immer wieder erarbeitet werden muss. „Wer bin ich?“ fragt er in einem anderen Gedicht, um dann einzumünden in dieses Bekenntnis: „Einsames Fragen treibt mit mir Spott. Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott.“

„Dein bin ich, o Gott!“

Mehr, liebe Gemeinde, ist nicht nötig. Manchmal suchend, nach vorne tastend. Manchmal ganz erfüllt davon, dass „Gott mit uns ist am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

Die Kirche – wir – das sind keine Superheldinnen und Superhelden. Und müssen es auch nicht sein. Petrus war es auch nicht, aber gerade ihn erwählte Jesus, „Menschen zu fangen“. – Ein durchaus zwiespältiges Bild, aber wir wissen ja, was gemeint ist. Es geht darum, Menschen in die Nähe Gottes zu rufen. Sie den Fängen des Bösen zu entreißen. Es geht darum, dass wir uns von Gott rufen lassen, statt im Verlorenen zu treiben! Ist es nicht das, wonach sich die Menschen sehen? Gerade in diesen unruhigen Zeiten? Sehnen wir uns nicht selbst danach?

Ja!

Wir werden gebraucht!

Mit unserem Optimismus und Gottvertrauen.

Mit unserem Mut und unserer Liebe zu den Menschen.

Mit unserem Glauben.

Ja!

Auch wenn die Not groß ist. Lasst uns die Augen davor nicht verschließen.

Auch wenn der Boden schwankend ist. Gott hält uns. Das sollen alle wissen!

Auch wenn Sorgen um das Morgen die Gedanken verdüstern. Lasst uns einander beistehen. Mit unseren Gebeten und Taten.

Amen.

Gert-Axel Reuß

Domprobst Ratzeburg

Mail: reussdontospamme@gowaway.ratzeburgerdom.de